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| | Musik | 25.11.2009

The Devil On My Shoulder – Billy Talent in der Tesla-Arena

Samstag, Eiseskälte, stockdunkle Nacht. Im Eilschritt laufen wir zur Tram. Wir sind spät dran. Kommt die 12 schon? Nein? Gut, dann noch schnell via Handy eine Fahrkarte für meinen Besuch ordern. Natürlich habe ich trotz diverser Erinnerungszettel vergessen in Andĕl noch schnell eine zu kaufen. Doch dank des technischen Fortschritt in Tschechien, den mein Besuch im Übrigen neidvoll zur Kenntnis nimmt, kann man hierzulande nun Fahrkarten mit einer Gültigkeit von 90min via SMS ordern. Einfach DPT an die 902 06 schicken und schon kriegt man einen Code, dem man dem Kontrolleur bei bedarf unter die Nase halten kann und ist nicht mehr hoffnungslos dem Schicksal ausgeliefert, wenn man mal wieder die Trafikaöffnungszeiten verpasst hat oder sich irgendwo im Nirgendwo befindet. Nein, natürlich habe ich in der Eile das Handy vergessen und muss noch mal zurück. Nun aber schnell, wir sind echt spät dran. Gott sei dank, da kommt Tram No. 12 auch schon angebraust. Nichts wie rein. Ca. 20 Minuten später sind wir dann an der Tesla-Arena, wo heute Nacht Billy Talent die Halle zum kochen bringen wird.
Doch bis dahin ist es noch ein etwas längerer Weg. Zunächst einmal müssen wir meine Kommilitonin, die auch mit auf das Konzert gehen will, finden. Zwischen all den düster gekleidet Gestalten mit dunkel geschminkten Augen und schwarz lackierten Fingernägeln gar nicht so einfach. Doch endlich, da kommt sie. So nun auf, die Halle stürmen. Wir haben uns extra eine Stunde vor Konzertbeginn getroffen, um auch ja in die erste Reihe zu kommen. Das dürfte auch nicht so schwer sein. Als ich am Donnerstag die Karten für sehr günstige 665 Kronen gekauft habe, war die Halle noch nicht mal ansatzweise ausverkauft. Scheinbar sind Billy Talent in Tschechien nicht so beliebt wie in Deutschland. Aber umso besser für uns, denn je weniger verkaufte Karten, desto weniger Leute die wir auf dem Weg nach vorn zur Seite schubsen müssen.
Nun stehen wir in der Schlange vor dem Eingang. Flott noch ein paar Schlucke Wasser trinken, einen Kleinen Feigling zum Aufwärmen, die Kamera unter dem Geldbeutel in der Tasche versteckt und sich durch die Sicherheitskontrolle quetschen. In der Halle geht die Suche nach der Gardarobe los. Hm, auf dem Lageplan ist nichts zu sehen. Gehen wir doch mal einen der unzähligen Sicherheitsleute hier fragen. Doch was war noch mal das Wort dafür auf Tschechisch? Irgendwie kriegen wir raus, dass es keine gibt. Oh nein. Ich hab auch nur einen dicken Anorak und einen noch dickeren Pully an. Das kann ja lustig werden, sich mit Sack und Pack nach vorne zu drängeln. Gut, wir gehen in die Halle. Zunächst sind wir etwas unschlüssig, wohin. Auf der Karte steht nicht, ob wir einen Sitzplatz haben oder doch stehen und Billy Talent ganz nahe kommen? Wir entscheiden uns für letzteres. Nun beginnt eine kurze Diskussion wie wir diesen Plan in die Tat umsetzten, da wir nicht die einzigen sind, die diese Idee haben. Da sich in der Mitte schon eine große Traube Menschen gesammelt hat, versuchen wir, uns von der Seite aus vorzuarbeiten. Doch erst mal bewegt sich gar nichts. Noch gut 30 Minuten haben wir, bis die erste Vorband die Bühne betreten wird, deren Emblem wir schon sehen können. Cancer Bats. Welche Ausgeburt der Kreativität. Fehlt nur noch, dass sie Ozzy Ozborne-like einer Fledermaus den Kopf abbeißen. Bäääh. Naja noch stehen wir doof rum. Zu meinem Erstaunen sind total viele Kids zwischen 12 und 15 da, was ich etwas neidvoll feststelle, da ich in dem Alter noch nicht auf Konzert durfte. So langsam sind wir dann auch froh, dass wir unsere Klamotten nicht an einer Gardarobe abgeben konnten, denn in der Halle ist es eiskalt. Klar, ist ja auch ein Eisstadion. Daran hatte ich nicht gedacht, da wären wohl warme Schuhe angebracht gewesen. Aber später wird mir schon warm werden.
Endlich ist es nun soweit und die Cancer Bats kommen auf die Bühne. 30 Minuten Metal vom feinsten. Die vier langhaarigen Bats headbangen um die Wette, der Schweiß fließt in Strömen. Zu meiner Frustration stelle ich nun fest, dass mich von der ersten Reihe eine kleines aber echt fieses Mädchen trennt. Als wäre sie hier auf der Tanzfläche von irgendeinem Klub schüttelt sie den gesamten Body im Rhythmus. So bekomme ich zirka fünf Mal ihre auftoupierte Mähne ins Gesicht. Viel schlimmer ist allerdings die im Takt wippende Hand, die immer mal wieder nach hinten ausschlägt und der ich nur knapp entkomme. Naja, nach den Bats schiebt sich die Masse Gott sei dann ein Stück von mir weg.
Als nächstes kommt Silver Stein auf die Bühne. Scheinbar ein nicht ganz unbekannte Band, so wie das Publikum nun grölt. Ich kenne sie nicht, und das ist auch gut so. Diese Vertreter des Post-Hardcore, was auch immer das für eine Musikrichtung sein soll, kann ich nicht ernst nehmen. Zunächst einmal trägt der Sänger so enge Hosen, das man sich ernsthaft fragt, wie er damit ein 30 minütiges Konzert bestreiten will und wirklich bleibt ihm nach ein paar Songs dann auch die Stimme weg. Die Hälfte der Band trägt Karohemden und, wüsste man nicht, dass es sich nun nicht um ein Konzert handelt, könnte man glatt denken, es sei einen Maschinenbauerparty, auf der die Anwesenden zum ersten Mal Alkohol zu sich genommen haben und nun so richtig „abrocken“. So, oder so ähnlich sieht der Versuch aus, mit fünf Zentimeter langen Haaren zu headbangen. Mit einem Wort: Total lächerlich, und es kommt mir unendlich lange vor, bis diese Dilettanten die Bühne endlich verlassen.
Nach einer endlos langen Umbaupause ist es nun soweit und Billy Talent kommen on Stage. Was soll ich sagen. Einfach genial. Mittlerweile habe ich mich nun auch in die erste Reihe vorgearbeitet und habe exzellente Sicht auf die Band. In wildem Eifer beginne ich nun wie alle anderen erst mal massenhaft Fotos zu schießen, und eigentlich muss ich dankbar sein, dass nach einiger Zeit die Batterie leer ist, sonst hätte ich wohl das ganze Konzert hinter der Linse gehangen, immer auf der Jagt nach dem einen, dem besten Foto überhaupt. So schreie ich nun die Lieder mit, und das, dank Oropax, verdammt falsch, weil ich mich nicht höre. Aber das ist mir total egal. Beim allzu heftigen abgehen kollidiere ich auf unsanfte Weise einige Male mit dem Ellenbogen meines Hintermannes und fühle mich jedes Mal für einige Minuten benommen.
[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=lqj2dwOz4W4]
Die Band spielt alle Hits der drei Alben rauf und runter. Zwischendurch unterhält sich der Sänger ganz locker und flockig mit dem Publikum. Besonders gut kommt dabei die Idee an, dass die Audience aufgrund der Kälte in der Halle doch auf die Bühne kommen soll und Billy Talent aufwärmen. Ja da wäre ich auch nicht abgeneigt. Auch seine Frage was denn das tschechische Wort für Slut ist, ruft eine lautes, einstimmiges „Kurva“ hervor.  Nach gut einer Stunde laufen die vier Kanadier nach einem Dankeschön an die Fans von der Bühne. Nun beginnt das altbekannt Spiel und zehn Minuten des herzzerreißenden Betteln, Schreiens und Flehens der Fans erweichen sie und sie kommen zurück. Scheinbar hat Leadsänger Kowalewicz in der Pause jedoch vergessen, dass stille Örtchen aufzusuchen oder er hatte schlichtweg keine Zeit. Auf alle Fälle rennt er nun Mitten im Lied von der Bühne und verschwindet, um kurze Zeit später wieder auf ebendiese zurückzukehren.
Langsam neigt sich das Konzert dem Ende entgegen, doch Kurz vor Schluss packen die Jungs die großen Hits aus. Erst kommt „Fallen Leaves“, und eigentlich hat die Arena nun den Siedepunkt erreicht. Doch gerade als ich mich beschweren will, dass sie „Red Flag“, das Lied mit dem Billy Talent in Europa bekannt geworden sind, nicht gespielt haben, da ertönen auch schon die ersten Akkorde. Die Bühne ist in Rot getaucht, irgendwoher hat Kowalewicz eine rote Flagge, die er sich um die Hals hängt. Die Masse springt, hüpft, singt und schreit aus Leibeskräften. Nun ist die Show aber wirklich vorbei und nach einem dicken Dankeschön an die Fans verabschieden sich Billy Talent. Ich bin auch fix und alle aber happy. Beschwingt trappeln wir nun aus der Arena und kommen gerade richtig, als dort gratis Konzertplakate verteilt werden. Mit diesen Trophäen in der Hand geht dann noch schnell zu McDonalds in Holešovice, um uns etwas zu stärken nach der Anstrengung.

Bildnachweis:
Monika Kindermann

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