Es war ein verregneter Dienstagnachmittag Mitte Oktober, als wir das erste Mal Tschechisch hatten. Etwas unsicher drückte ich mich 10 Minuten vor offiziellem Kursbeginn in das winzige Zimmerchen im dritten Stock des Hauptgebäudes der Universität.
Überwältigt von der Masse von ca. 25 Menschen in diesem Kämmerchen – Kommilitonen hatten mir erzählt, dass in solchen Kursen nie mehr als 10 Studenten seien – fragte ich schüchtern nach, ob ich hier auch wirklich richtig sei bei Tschechisch I für Nichtslawisten. Ja war ich. Also bahnte ich mir durch die Tisch- beziehungsweise -Stuhlreihen, da der Raum eher eine Legebatterie glich, denn einem Hörsaal, einen Weg und konnte mit etwas Glück auch noch ein Eckchen Tisch für mich in Beschlag nehmen.
Da saß ich nun, eingepfercht zwischen all den fremden Leuten. Da man sich ja quasi auf dem Schoss saß, kam man auch schnell ins Gespräch. Zügig wurde erkundet, warum es denn die anderen in diesen Kurs verschlagen hatte. Neben den gängigen Gründen wie „Meine Eltern oder wahlweise auch die Großeltern kommen aus Tschechien“ über „Ich will mal da studieren (weil dort das Bier so billig ist)“, war es erstaunlich, dass ein Großteil der männlichen Teilnehmer die Sprache erlernen wollte, weil ihre Freundin/ Verlobte Tschechin ist. Die Feststellung, dass also der Großteil der Männern in diesem Kurs sich bereits in festen Händen befand, war zwar keine sehr gute Nachricht, aber schließlich war ich ja zum Lernen und nicht zum Flirten hier. Dass sich dies aber durchaus auch kombinieren lässt, fand ich etwas später heraus.
Ja da saßen wir also. Die Zeit verging und verging und wer nicht kam war die Dozentin. Nachdem wir uns mehrere Male davon überzeugt hatten, dass dies auch wirklich der richtige Raum war und uns ein Kommilitone versicherte, dass die Dozentin auch nicht erkrankt sein, denn seine Freundin, einen Slavistikstudentin habe heute morgen noch mit besagter Dozentin telefoniert, wurden wir doch langsam ungeduldig. Schließlich war inzwischen eine geschlagene Stunde vergangen. Und da sage noch mal einer, Studenten hätte keine Ausdauer! Dann kam einer auf die glorreiche Idee im Sekretariat nachzufragen. Und endlich kam dann auch- total abgehetzt- unsere Dozentin. Klein, Mitte 40, dunkle Haare, Bob, Rock- sehr adrett und vor allem sehr sympathisch. Nach einer kurzen Entschuldigung, sie hätte da wohl was mit den Zeiten durcheinander gebracht, aber jetzt sei sie ja da und das mache auch gar nichts, wir würden dann einfach heute etwas schneller machen, legte sie auch gleich los. Während wir noch damit beschäftigt waren, unsere Blöcke wieder auszupacken, waren wir doch schon kurz vorm Gehen gewesen, wurden wir gleich mit den ersten Tücken des Tschechischen konfrontiert. Von háček zu kroužek, von weichen und harten Konsonanten hin zur Aussprache und weiter zur Konjugation von být.
Jetzt waren auch gleich wir an der Reihe und sollten uns reihum auf Tschechisch vorstellen. Soweit so gut. Ein já jsem und den eigenen Namen, dass war noch nicht so schwer. Doch als wir plötzlich auch noch fragen sollten, wer unser jeweiliger Nachbar denn sei, brach bei so manch einem die pure Verzweiflung aus. Panisch versuchte man auf dem nun rumgegebenen Blättern einen Anhaltspunkt zu finden, um sich nicht gleich in der ersten Stunde zum Vollforst zu machen. Doch richtig schwierig wurde es dann erst, als wir eine kleine Geschichte über Heinz den deutsche Austauschschüler, der gerade in Tschechien bei seiner Gastfamilie ankommt, lesen sollten. Plötzlich erschien dann ein „ Kdo jsi?“ sehr einfach. So gut es ging, versuchten wir uns mit der tschechischen Aussprache anzufreunden.
Heute, nach fast zwei Semestern Tschechisch, kann ich mir kaum vorstellen, so etwas als schwierig empfunden zu haben. Aber ich weiß noch genau, dass ich mir bei „Těší mě“ vorkam, wie im Japansich-Kurs. So ging dann die erste Stunde langsam dem Ende entgegen. Und obwohl es nur 45 Minuten anstelle von 90 min waren, schwirrte uns allen der Kopf und so manch einer begriff, dass eine slawische Sprache wohl doch nicht so leicht zu erlernen sein würde…